Führen heißt… sich der Tragweite der eigenen Verantwortung bewusst zu sein.

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17. April 2015

Verantwortung! – Alles, was ich im vorigen Artikel geschrieben habe, steht und fällt hiermit. Erst, wenn ich begriffen habe, wie weit meine Verantwortung geht und damit beginne sie wahrzunehmen, befähige ich mich selbst authentisch zu leben, authentisch zu führen.

Verantwortung ist eine existenzielle Angelegenheit. – Wir können ihr nicht entfliehen.

Wir Menschen sind genau besehen tatsächlich unauflösbar mit dieser Welt, von der wir ein Teil sind, verhaftet. Leben ist eine permanente Interaktion zwischen unserem Selbst und der Außenwelt. Völlige Loslösung ist uns nicht möglich. Wir sind quasi gezwungen dieser Welt, auf das, was sie an uns heranträgt, kontinuierlich durch unser Handeln zu antworten. Wir können allerdings auch passiv im Seitenaus sitzen und die Antwort und damit die Initiative, andern überlassen. Um die Tragweite dessen, was Verantwortung bedeutet zu umreißen, vielleicht folgendes Beispiel:

Während ich dies hier schreibe, sterben in jordanischen Flüchtlingslagern weiter Menschen an den Folgen des Syrienkonflikts. Jean-Paul Sartre würde behaupten, das ich Verantwortung für dieses Leiden und Sterben trage. Ich protestiere natürlich: Das ist weit weg, mein Einfluss ist gering, ich wüsste gar nicht, was ich dort tun könnte, wahrscheinlich würde ich noch nicht mal ins Land gelassen… Ich könnte also wenig tun, um diese tragische Situation zu verändern. Aber Sartre würde mich darauf hinweisen, dass ich mich dazu entscheide uninformiert zu bleiben und dass ich mich eben in diesem Moment dazu entscheide diese Worte aufzuschreiben, statt mich für diese tragische Situation zu engagieren. Ich könnte schließlich eine Kampagne organisieren um Geldmittel zu sammeln, meine geschäftlichen Kontakte, meine Internetpräsenz nutzen, auf die Zustände aufmerksam machen – aber ich entscheide mich, sie zu ignorieren. Ich trage Verantwortung für das, was ich tue und für das, was ich entscheide zu ignorieren. Sartres Standpunkt in dieser Hinsicht ist nicht moralisch. Er sagt nicht, dass ich etwas tun sollte, sondern er sagt, dass das, was ich tue (oder lasse) meine Verantwortung ist.

Natürlich können wir nicht permanent auf alles, was um uns herum geschieht, wirklich selbst, aktiv reagieren. Wir müssen eine Wahl treffen und wir treffen sie. Wir wählen permanent, meistens unbewusst. Die Frage, die wir uns eigentlich permanent beantworten müssten, um unserer Verantwortung gerecht zu werden, ist:

Was ist die adäquate Reaktion auf dieses äußere Ereignis?

Dass wir im Falle Syrienkonflikt in der Regel nicht mehr tun, als einen mehr oder weniger großen Betrag auf ein Spendenkonto zu überweisen, dass wir also eher passiv reagieren, mag nachvollziehbar sein. Der Auslöser für diese Tragödie war schließlich etwas, auf das wir nicht wirklich Einfluss hatten.

Aber, warum gibt es so viele Menschen, die die Verantwortung für ihr eigenes Leben nicht wahrnehmen wollen, Verantwortung wahrnehmen für die Dinge, auf die sie, bei genauer Betrachtung, sehr wohl Einfluss haben könnten.

Sie wenden sich an ihre Doktoren und Priester, damit die Ihnen sagen, wie sie leben sollen; fragen ihre Freunde, wie sie sich kleiden und was sie bei der nächsten Wahl wählen sollen; und bitten ihre “Gurus” für sie zu denken. Die Verantwortung für das eigene Leben wird auf vielfältige Art und Weise nach außen abgeschoben, statt sie “bei sich drin” zu behalten.

Verantwortung wahrnehmen heißt, verantwortlich zu agieren. Zunächst seinen Verstand zu gebrauchen und dann zu handeln. Es heißt, nach dem wir es gewagt haben unabhängig zu denken, nachdem wir uns ein möglichst objektives Urteil gebildet haben – unbeirrbar das zu tun, was in unserer Macht steht und was dazu geeignet ist herbeizuführen, was wir uns wünschen und für gut und richtig erachten.

Werfen wir einen Blick auf folgenden Fall: Groß ist die Zahl derer, die darüber jammern, dass es im Ort, fußläufig, bald keinen XY Laden mehr gibt. Die dann aber jedes Wochenende zu einem allseits bekannten Discounter fahren, um sich den Kofferraum voll zu laden. – Wenn Sie wirklich Wert darauf legen weiter in Ihrem Dorf einen Lebensmittelladen zu haben, dann reduzieren Sie Ihre Besuche beim Discounter auf das Minimum und kaufen Sie, wo immer möglich, im Ort ein. Kann sein, dass Ihr Sommerurlaub dann etwas weniger üppig ausfallen muss. – Besser noch! Laden sie Ihren Obst- und Gemüsebauern ein, samstags in Ihrer leer stehenden Garage, seine Produkte anzubieten – so geschehen bei mir um die Ecke; seit mehreren Jahren ein florierendes Geschäft.

Auch wenn es hier vielleicht nicht sehr augenfällig ist: Sich so zu verhalten, das heißt selbstverantwortlich führen, Verantwortung wahrnehmen für meine eigenen Interessen oder auch für die der Kommune, den Verein und natürlich auch das Team, die Abteilung, das Unternehmen für das ich arbeite, meine Abteilung, mein Team, die Gruppe von Menschen, zu der ich gehöre und mit der ich interagiere .

Durch Reflexion, bewusste Wahl und Entscheidung, gefolgt von konsequentem Handeln, Einfluss auf den Fortgang der Dinge zu nehmen, Einfluss auf die Realität zu nehmen. Und sich nicht darum scheren, ob das eine unmittelbare, sichtbare Wirkung hat – sondern es tun, weil Sie es als richtig erkannt haben und das Ihrige tun wollen.

Sobald wir handeln, verändern wir den Status quo, nehmen wir Einfluß auf den weiteren Verlauf der Dinge. Unsere Handlungen sind wie Kiesel, die man in einen Teich wirft, manche schlagen kaum merkbare kleine Wellen, manche große. Und so haben auch unsere Handlungen immer einen Einfluss, selbst wenn der manchmal, zunächst, kaum merkbar sein mag.

Ein anderes Beispiel, immer noch sehr beliebt: “Banker bashing”. Finanzkrise! “Das haben uns die gierigen Banker eingebrockt, diese Zocker, die den Hals nicht voll kriegen können. Das sind doch alles Verbrecher, die müsste man einbuchten…”. Na – erkennen Sie diese Aussagen wieder?

Natürlich ist das nicht völlig falsch! Und diese Leute, zum Teil mit einer beängstigenden (Markt)Macht ausgestattet, sind häufig die eigentlichen Übeltäter. Aber, mit wessen Geld haben die denn gezockt? Wer hat denn beide Augen zu gemacht und seine Hände in Unschuld gewaschen, so lange die Rendite stimmte? Wer von Ihnen hat sich denn wirklich Gedanken darüber gemacht, wer was mit ihrem Geld tut? Tun Sie es wenigstens jetzt? – Oder sitzen Sie auch da im Seitenaus und rufen aufs Spielfeld: “Wozu haben wir denn die Bankenaufsicht … und die Politiker, wofür bezahlen wir die eigentlich… schließlich haben wir ja Gesetzte … da sollen sich mal die drum kümmern, die dafür bezahlt werden!”

Wenn kleine spezialisierte Läden verschwinden und 4 große Discounter den Markt unter sich aufteilen, wovon wir zunächst einmal durch sinkende Preise profitieren, dann deshalb, weil Ihnen und mir der 40″ HD Fernseher und der Maledivenurlaub (vielleicht unbewusst) wichtiger sind als der “Tante-Emma-Laden” und Milchbauern, die von Ihren Kühen leben können und unverdorbene, unvergiftete und ursprüngliche Lebensmittel. So einfach ist das.

Ich will Ihnen was sagen: Wenn diese Dinge da draußen schief laufen, geschieht das nicht einfach, weil eine obskure dunkle Macht uns das aufoktroyiert. Wir sind keine Opfer! Wir sind Täter! Die Dinge sind so wie sie sind, weil wir mitspielen. Sie sind (oft) das Produkt einer kollektiven Passivität, wenn Sie so wollen einer “kollektiven Verantwortungslosigkeit”. Diese besteht darin, die Verantwortung zu vermeiden, indem man einfach abwartet, nichts tut oder fällige Entscheidungen auf andere delegiert.

Erich Fromm hat wiederholt betont, dass menschliche Wesen immer eine sehr ambivalente Haltung gegenüber ihrer Freiheit und der damit verbundenen Verantwortung eingenommen haben. Obwohl sie verbissen für ihre Freiheit kämpfen, ergreifen sie gleich darauf die Gelegenheit, sie für ein totalitäres Regime wieder aufzugeben, das verspricht, die Last der Freiheit und der damit verbundenen Verantwortung selbst zu entscheiden, von ihnen zu nehmen. Der charismatische Führer, der jede Entscheidung frisch und zuversichtlich (für andere) fällt, hat keine Schwierigkeit Anhänger zu finden.

Die wenigsten begreifen, dass sie etwas sehr wertvolles opfern, wenn sie die Last der Verantwortung anderen aufbinden. Nämlich die Möglichkeit sich selbst zu entfalten, zu verwirklichen und Wirklichkeit im eigenen Interesse zu verändern, eine Spur zu hinterlassen auf diesem Planeten.

Um seine Verantwortung wahrzunehmen muss man in der Regel eine Wahl treffen, sich entscheiden. Das ist nicht immer einfach, weil sich erst in der Zukunft zeigt, ob wir richtig entschieden haben. Aber wir können ja unserer Zukunft eh nicht entgehen, wir können höchstens verpassen sie selbst zu gestalten.

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