Führen heißt… sich seine geistige Unabhängigkeit bewahren.

18. Februar 2010

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Sapere aude – wage zu denken. – Erich Fromm

Die eigene geistige Unabhängigkeit zu bewahren ist bei Leibe keine einfache Angelegenheit. Vieles von dem, was heute unsere Handlungen bestimmt, haben wir uns durch den Prozess der Enkulturation (Prozess der Anpassung an die Kultur in die wir hineingeboren wurden) im Verlauf unseres Lebens angeeignet.  Zumindest im Kindesalter geschah dies weitgehend unwillkürlich, unüberprüft und unwidersprochen. Heute werden wir mehr denn je, durch eine omnipräsente mediale Beschallung ständig, mehr oder weniger subtil, darauf hingewiesen was wir denken sollen, wie wir leben sollen. All das hat eine Wirkung. Meist, ohne dass wir uns dessen gewahr würden.

Unsere „Box“(wie im letzten Artikel beschrieben) ist gut gefüllt. Und darin befindet sich natürlich auch all das, was uns dazu befähigt, in dieser Welt zu überleben, unser Leben zu meistern. Allerdings gibt es darin auch eine ganze Menge „Zeugs“, das bei näherer Betrachtung, weder für uns selbst noch für unsere Umwelt wirklich „nützlich“ ist.

Andererseits sind wir glücklich in einem Staat mit freiheitlich demokratischer Grundordnung zu leben, dessen Grundgesetz jedem in Artikel 2, Absatz 1,

„…die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“,

garantiert. Die interessante Frage hier lautet: Nehmen wir dieses Recht auch ausreichend wahr? Enfalten wir uns denn nach unseren eigenen Regeln?

Aus klassischen soziologischen Abhandlungen kennen wir die Konzepte der „Selbststeuerung“ und „Fremdsteuerung„. Eine eher fremdgesteuerte Person wird dazu tendieren, sich an der eigenen Referenzgruppe und mehr oder weniger „prominenten“ Zeitgenossen zu orientieren – entweder denjenigen, die sie persönlich kennt oder eben auch denen, derer sie indirekt durch andere oder über die Medien gewahr geworden ist. Eine solche Person wird immer auf die Signale dieser „Idole“ achten. Wohingegen man eine selbstgesteuerte Person als jemanden verstehen kann, der durch ein inneres Kreiselsystem, quasi wie durch einen Autopiloten, „auf Kurs“ gehalten wird und dadurch den Turbulenzen des Mediums in dem er sich bewegt, wenig beindruckt, widersteht.

Eine ganz wichtige Voraussetzung hierfür ist, wie ich das im ersten Artikel dieser Reihe beschrieben habe, „mit der eigenen Identität auf Du und Du“ zu sein. Wenn diese erste wichtige Voraussetzung nicht erfüllt ist, ist die Gefahr groß, dass uns dieser innere Kompass fehlt oder, um bei diesem Bild zu bleiben, mit „fremden“ Daten, fremden Regel, fremden Prioritäten programmiert ist und wir somit vermehrt dazu tendieren uns fremd steuern zu lassen, „vom Pfad der Tugend“ abzukommen.

In einem schon etwas älteren Buch von Clark Moustakas „The Self“, geschrieben im Jahr meiner Geburt, habe ich eine gute Definition für Unabhängigkeit gefunden:

„Ein wirkliches Individuum bewegt sich immer in Richtung hin zu einem Mehr an Autonomie und wird sich dabei in zunehmendem Maße bewusst, dass die es steuernde Instanz in ihm selbst liegt und dass seine Entwicklung und sein kontinuierliches Wachstum nur von seinen eigenen Potentialen und Ressourcen abhängen.“

Die Herausforderung für uns liegt darin uns selbst kritisch zu fragen, wo wir in diesem Kontinuum der Selbst- und Fremdsteuerung angesiedelt sind. Wenn wir wirklich „wir selbst“ sein wollen und unsere einzigartigen Potenziale verwirklichen wollen, sollten wir dann nicht danach trachten, es wagen, uns sukzessive in Richtung Selbststeuerung zu bewegen?

Natürlich, birgt das auch eine ganze Reihe von Risiken.

Zunächst wird uns, sobald wir vom „Mainstream“ abweichen, auffallen, dass wir Gefahr laufen den „psychologischen Schutz“ unserer Referenzgruppe einzubüßen. Je nach dem, wie deutlich der Bruch ist, den wir vollziehen, kann es uns passieren, dass wir uns dann mit unserem Denken ziemlich alleingelassen fühlen und selbst unsere nächsten Verbündeten sich von uns abwenden. Sich vom „Gruppendenken“ abzuwenden und zu den eigenen Maßstäben zu stehen, kann eine Menge Mut und Standhaftigkeit erfordern.

Nehmen wir an, wir machen diesen Schritt hin zu „unabhängigem Denken“ – was übrigens nicht heißt, dass wir uns ab sofort keiner anderen Meinung mehr anschließen dürften und uns ständig als Querulanten in Szene setzten. Sondern es geht darum Meinungen, Sichtweisen, Ideologien nicht einfach zu übernehmen, nur weil ein Mehrheit, die Firma, der Chef, … sie vertritt, oder weil das die Art und Weise ist „wie man das hier halt so macht“, oder, nicht zu vergessen, weil das der Karriere dient.

Es geht hier in erster Linie darum, immer dann auf der Hut zu sein, wenn uns etwas von außen nahegelegt wird und zunächst zu versuchen sich eine eigene Meinung dazu zu bilden, zu versuchen die Fakten möglichst unvoreingenommen zu betrachten, sie zu analysieren und das für und wieder abzuwägen.

Nur wenn uns das gelingt, können wir sodann in allen für uns wichtigen Bereichen wirklich eigene Ziele definieren und damit beginnen, unsere eigenen Pläne und Strategien zur Umsetzung oder Realisierung dieser Ziele zu entwickeln, um unsere zukünftigen Entscheidungen und Vorgehensweisen daran zu orientieren. Nur dann folgen wir unserem eigenen Plan, anstatt delegatorische Abfallprodukte oder die Weltsicht anderer zur Leitlinie des eigenen Handelns zu machen. Wir entwickeln uns vom Mitläufer und Erfüllungsgehilfen, zum tatsächlich Führenden.

Damit dann aber tatsächlich etwas passieren kann, muss man noch einen Schritt weiter gehen. Schöne Ideen haben und Pläne machen kann jeder. Damit diese auch Ihre Wirkung entfalten können, müssen wir auch bereit sein sie in die Tat umzusetzen, dafür aufzustehen, sie zu verteidigen und voranzutreiben.

Wenn wir erst an diesem Punkt unserer persönlichen Entwicklung angekommen sind, werden wir sicherlich auch in der Lage sein Mahatma Gandhi zu verstehen, wenn er sagt:

Und wenn ich denn vielleicht, vor der Aussicht stünde, mich in einer Minorität von einer Stimme wiederzufinden, so glaube ich doch, dass ich den Mut hätte in dieser hoffnungslosen Minorität auszuharren. Das ist für mich der einzig wahrhaftige Standpunkt.

Leuchtende Beispiele in unserer eigenen jüngeren Geschichte für eine derartige Haltung sind z. B. die Menschen des Widerstands im III. Reich, wie die Geschwister Scholl. Junge Menschen, die scheinbar gegen jede Vernunft beschlossen nicht mehr „mitzulaufen“, nicht mehr wegzuschauen, wie das Millionen anderer taten.

„Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten“ – Wahlspruch der Familie Scholl (nach Goethe)

Gott sei Dank sind die Strafen, die uns drohen könnten, wenn wir unsere Überzeugungen leben, aus dem Mainstream ausscheren, wenn wir die „Incrowd“ verlassen, unseren eigenen Weg gehen, weit weniger drakonisch. – Worauf warten wir also?

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{ 1 Kommentar… lese ihn unten oderschreibe selbst einen }

Christine Hahn Februar 19, 2010 um 08:54 Uhr

Gut ist es, über diesen Blog wenigstens mal darüber nachzudenken, wieviel Potential der Selbststeuerung ich überhaupt noch habe (seeeehr viiiiiel!!) – anstatt sich notorisch mit „delegatorischen Abfallprodukten“ (geniale Wortschöpfung übrigens!) von anderen antreiben zu lassen.

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