Führen heißt… sich seiner eigenen Identität bewusst zu sein

26. November 2009

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Die gängige Managementliteratur neigt oft zu sehr mechanistischen Betrachtungsweisen. Da liest man etwa Abhandlungen wie “the manager as an effective human being”.

Wie bitte soll ich das denn übersetzen? Der Manager als effektiver Mensch? Was bitte ist denn ein effektiver Mensch? Effektiv in welchem Sinne? Effektiv in wessen Interesse? Seines eigenen? Des Interesses, des Arbeitgeber, des Investors?

Als effektiv könnte man einen Menschen doch dann beschreiben, wenn er durch sein Handeln, sein Entscheiden, bewusst oder unbewusst, willkürlich oder unwillkürlich, etwas in Gang setzt, was die gewünschten Resultate nach sich zieht, oder? So oder so ähnlich, muss es doch wohl gemeint sein?

Aber, tut sich da nicht eine riesige Schere auf? – Von wem gewünscht? Von mir – oder meinem Umfeld? An welchen Werten orientiere ich mich da? Muss ich etwa meine eigenen kompromittieren? Wo sage ich stop?

„Ich glaube nicht, dass ein Investor verantwortlich ist für die Ethik, für die Verschmutzung oder das, was eine Firma verursacht, in die er investiert. Das ist nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist zu investieren und Geld für seine Klienten zu verdienen.“

Dr. Mark Moebius, Präsident Templeton Emerging Markets, im Film “Let’s make money”

Würden Sie das unterschreiben? Oder würden Sie als Investor, Fond Manager usw. gerne anders handeln? Oder meinen Sie trotz eigener konträrer Werte, diesem Diktat folgen zu müssen weil

  • das nun mal die Regeln sind, nach denen weltweit gespielt wird
  • Sie als Einzelner da sowieso nicht viel dran ändern können
  • das ja schließlich der Job ist, für den Sie bezahlt werden
  • Sie ja schließlich Ihrer Familie etwas bieten müssen
  • das halt der effektivste Weg ist, wie man zu Wohlstand, Erfolg und sozialem Status gelangt- à la “mein Haus, mein Auto, mein Swimming Pool, mein Pferd, meine Yacht”?

… und wahrscheinlich fügen Sie dann zur eigenen Rechtfertigung noch hinzu: “Und wenn ich die Kohle erst mal im Sack hab, dann kann ich ja immer noch spenden, Gutes tun …”

Was heißt eigentlich “Ethisches Handeln” im Zusammenhang mit Geld? Vertragen sich Ethik und Wirtschaft überhaupt? Was kann ethisches Handeln in einer pluralistischen Gesellschaft konkret heißen? Haben Sie sich das schon mal gefragt?

“… dieses radikale Kurzzeitdenken, nicht mehr das Denken in längerfristigen Verantwortungskategorien, ist typisch für das gesamte Neoliberale Zeitalter. Im Neoliberalen Zeitalter ist alles verkürzt … auf die aktuelle Erzielung einer höchstmöglichen Rendite, koste es was es wolle.“

Hermann Scheer, SPD- Bundestagsabgeordneter und Träger des alternativen Nobelpreises

Produktivität in unserer Wirtschaftsgesellschaft, in diesem “Neoliberalen Zeitalter”, wie Hermann Scheer das genannt hat bedeutet, dass “aus Geld mehr Geld” wird. Unternehmen fusionieren, nicht maximal ertragreiche Geschäftsfelder werden abgestoßen. Unter dem Druck des “shareholder value” bleiben soziale und ökologische Belange oft ausgespart. Besonders dort, wo es kein äußeres Regulativ, wie zum Beispiel eine an freiheitlich demokratischen Werten orientierte Gesetzgebung gibt, sondern “wirtschaftliches Faustrecht” herrscht, greift der “Raubkapitalismus” Raum.

Sind Sie bereits dabei dieses Spiel nach diesen Regeln zu spielen? Regeln, die Ihnen eine anonyme Autorität, ein Wirtschaftssystem, in dem der Finanzsektor eine dominierende Rolle spielt, scheinbar aufoktroyiert? Nehmen wir mal an, Sie sind christlich erzogen, dann sollte Mitgefühl in Ihrer Wertewelt eine große Rolle spielen. Wenn Sie sich dem neoliberalen Diktat ohne wenn und aber unterworfen haben, handeln Sie dann nicht Ihren eigenen Werten zuwider? Haben Sie dann nicht ein Identitätsproblem? Wie wollen Sie eine authentische, integre Führungskraft sein, wenn es Ihnen sogar an Integrität gegenüber Ihren eigenen Werten und Überzeugungen mangelt?

Wir alle haben eine Identität bestehend aus vielen Facetten sozialer und kultureller Prägung. Die Frage ist nur, wie stark umrissen sind diese Facetten? Wie genau kennen wir sie. Wie bewusst sind Sie uns? Wenn Sie sich selbst im Spiegel anschauen, “Ich” sagen, wissen Sie dann, was dieses “Ich” ausmacht? Wissen Sie, womit dieses Ich sich identifiziert, mit welchen Werten, mit welchen Überzeugungen. – Und hier meine ich nicht die Sprechblasen, die Sie schon mal gerne absondern!

Die Kenntnis meiner Identität, dessen, womit ich mich wirklich, tief in meinem Inneren identifiziere, ist die eigentliche Grundlage dessen, was man im wahren Wortsinn “Erfolg” nennen kann. Ohne diese Kenntnis bin ich schlicht nicht in der Lage wirklich effektiv zu agieren!

Wenn Sie also in Zukunft im wahren Wortsinn effektiv sein wollen, sollten Sie sich vielleicht mal folgende Fragen stellen:

  • Was sind meine zentralen Werte als Mensch und Führungskraft?
  • Welche Ziele müsste ich verfolgen, um diese Werte zu leben?
  • Welche Strategien muss ich anwenden, um diese Ziele zu erreichen?

Und wenn Sie schon mal dabei sind

  • Welches Verhalten, dass im Gegensatz zu diesen Werten und Überzeugungen steht, will ich in Zukunft ändern, unterlassen?

Seine eigenen fundamentalen Überzeugungen, Werte und Prinzipien zu kennen ist ein erster Schritt hin zu einem festen Verständnis der eigenen Identität. Für die meisten von uns haben diese Parameter einfach im Laufe des Lebens quasi beiläufig Gestalt angenommen, ohne großes Nachdenken über deren Sinn, Wert, Herkunft oder Bedeutung für das eigene Leben (ganz zu schweigen davon, dass wir Vieles von dem, was wir postulieren, nicht wirklich leben).

Sich diese bewusst zu machen und sie zu hinterfragen, sich zu fragen, inwieweit würde ich mir wünschen, dass dieser spezielle Wert als charakteristisch für mich angesehen wird, ist ein wichtiger Schritt hin zu einer persönlichen Lebensphilosophie. Sokrates hat nicht umsonst gesagt:

“Jeder Mensch sollte sein Denken und seine Hauptaufmerksamkeit zunächst der Betrachtung seiner “ersten Prinzipien” schenken – sind sie oder sind sie nicht klar definiert. Sobald er diese sorgfältig durchdacht hat, wird alles Weitere folgen.”

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